Institut für Sozialanthropologie

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Blogbeiträge Corona-Krise

Sich der Pandemie hingeben. Schreiben und Nervosität in Zeiten von Covid-19 (#WitnessingCorona)

von Dr. Janina Kehr

Dr. Janina Kehr ist SNF-Ambizione Research Fellow am Institut für Sozialanthropologie der Universität Bern.

„Ich glaube, es gibt bei vielen ein ähnliches Verlangen, nicht anfangen zu müssen; ein ähnliches Begehren, sich von vornherein auf der anderen Seite des Diskurses zu befinden und nicht von außen ansehen zu müssen, was er Einzigartiges, Bedrohliches, ja vielleicht Unheilvolles an sich hat.“
Michel Foucault

Eigentlich möchte ich nicht anfangen, über Covid-19 zu schreiben. Besser von Anbeginn an auf der anderen Seite des Diskurses stehen, in dem stillen Verlangen, ihn gar nicht erst von außen betrachten zu müssen. Angesichts des Einzigartigen und vielleicht zu Fürchtenden, das er womöglich in sich trägt, ist die Sehnsucht da, ihn nicht zu analysieren; ebenso der Wunsch, gerade nicht zu sprechen und nicht zu schreiben, angesichts des Wucherns von Covid-19 zur Pandemie.

Dieser Wunsch war groß in mir, von dem Tag an, als ich zum ersten Mal von einem neuen Coronavirus in den Medien gelesen habe. Schon jetzt erinnere ich mich nicht mehr, wann das war. Im Januar noch war Covid-19 in China sehr weit weg für mich, ich gebe es zu. Januar scheint jetzt lange her. Als jemand, die seit Jahren zu der chronischen, globalen Infektionskrankheit Tuberkulose arbeitet, war mein erster Reflex zu denken: schon wieder diese Panik während des „Wartens auf die Pandemie“ (Caduff 2018); gut 3000 Todesfälle in China für ein Land von 1,4 Milliarden Menschen, was sind diese schon im Vergleich zu den 1,3 Millionen Tuberkulosetoten der Welt in jedem Jahr? Es wird uns nur noch mehr globale Versicherheitlichung von Public Health bringen, mit ihren harten polizeilichen und sanitären Maßnahmen, wie damals nach 9/11 und der Aufregung um Bioterrorismus. Auf der anderen Seite der Pandemie stehen bleiben, das wollte ich.

Dann kommen die Berichte aus Italien, dann aus Spanien. In Spanien forsche ich seit 2017 zu Austeritätspolitik im Gesundheitswesen, unter anderem in einem nun aus allen Nähten platzenden öffentlichen Krankenhaus im Zentrum von Madrid. Und dann ist alles doch da, Anfang März. Ganz schnell, und doch so spät. Cluster im Südelsass. Das Krankenhaus in Mulhouse am Limit. Die Schulen im Südelsass werden geschlossen. Die Region Grand-Est, wo ich wohne, wird vom Robert-Koch-Institut in Berlin zum Hochrisikogebiet ernannt, wie ich von einer Freundin aus München höre. Seit dem 17.3.2020, 12h, ist in ganz Frankreich Ausgangssperre. Wir dürfen uns nicht mehr als 500 Meter von unserem Domizil entfernen, und das auch nur, um einzukaufen, Sport zu treiben, oder zum Arzt zu gehen, immer mit einem unterschriebenen Formular zum Beweggrund des Ausgangs und dem Personalausweis in der Tasche. Wir befinden uns im „sanitären Ausnahmezustand“ (état d’urgence sanitaire). Die ganze „Nervosität des Systems“ bricht über mich herein, so wie sie der US-amerikanische Anthropologe Michael Taussig (1992) Anfang der 1990er Jahre in seinem Werk „The Nervous System“ beschrieben hat, anhand so unterschiedlicher Beispiele wie Staatsterror in Kolumbien und Arzt-Patienten Beziehungen in New York.

Illustration1: Mein „Ausgangsformular“ vom 30.3.2020. Copyright: Janina Kehr.

Da ist die Nervosität der politischen Entscheidungsträger*innen um Antworten mit ihren immer strikteren sanitären Maßnahmen wie Grenzschließungen; die Nervosität der Experten ohne Daten und ihr erbitterter Kampf um Wahrheit (Ioannidis 2020); die Nervosität des „Hygienestaates“ (Rosanvallon 2020) ohne Evidenz und dennoch in der Pflicht, das Gesundheitswesen vor einem „Kollaps“ schützen zu müssen; die Nervosität der epidemiologischen Modellierungen und das „Theater der Echtzeit Surveillance“ (Engelmann 2020); die Nervosität der Zeitungsberichterstattungen, neben Covid-19 existiert nichts anderes mehr; die Nervosität der #Covid-19 Tweets; die Nervosität der nach Schuldigen Suchenden und Stigmatisierenden. Diese generalisierte Nervosität geht mir durch Mark und Bein, täglich. Jeder Versuch, die Nervosität durch, wie Taussig es beschreibt, „ein kleines Ritual oder ein bisschen Wissenschaft“ (1992: 2) aufzulösen, macht das nervöse System nur noch nervöser und untermauert damit seine systematische Macht.

Ich sehe es nach wie vor als meine sozialwissenschaftliche Pflicht, Medien kritisch zu lesen und tagesaktuell darüber nachzudenken, was um mich herum und an anderen Orten der Welt geschieht – auch in Zeiten generalisierter Nervosität. Aber ob mir eine „Stimme der Besonnenheit“ (Beyer 2020) inmitten der Epidemie gelingt, so wie es Judith Beyer in ihrem inspirierenden Artikel vor ein paar Tagen beschrieben hat, bezweifle ich, und dies, obwohl ich als Medizinanthropologin seit vielen Jahren über globale Epidemien nachdenke. Weniger denn je schaffe ich es, die für Kritik notwendige Distanz zu bewahren, um analytische Schnitte zu tun, zu Hause vor dem Schreibtisch sitzend, wo jede Perspektive quasi rein medial vermittelt ist. Im Moment ist mir als Medizinanthropologin, die in Krankenhäusern forscht, auch die destabilisierende und gleichzeitig beruhigende körperliche Nähe des Mittendrinseins der Feldforschung genommen. Das Miteinandersein mit meinen Forschungspartner*innen – Gesundheitsmitarbeitenden, Patient*innen und deren Angehörigen, ob im Krankenhaus oder zu Hause. Aber sowohl Nähe als auch kritische Distanz wären für die Möglichkeit eines anderen Blicks auf die derzeitige medial vermittelte Krise so zentral. Stattdessen ist nur Diskurs. Ich lebe im Diskurs, schreibe mit am Diskurs und fühle seine Nervosität in mir und meiner unmittelbaren Umgebung, hier in Frankreich, hier im Elsass, am Schreibtisch.

Die Nervosität ist groß, vielleicht größer als auf der anderen Seite des Rheins. Sie ist alltäglich, genauso wie die Schwere der leeren Straßen. Sie zeigt sich in der flehenden SMS einer befreundeten Apothekerin aus Strasbourg, die uns noch vor Beginn der strikt implementierten Ausgangssperre aufruft, doch „bitte bitte zu Hause zu bleiben“ und nicht präventiv Apotheken zu stürmen wie ihre Hunderte von Kund*innen in einer Stadt, „in der die Krankenhäuser gerade überlaufen“ und die „Primärversorgung zutiefst verunsichert ist“. Sie zeigt sich in der Kriegsmetaphorik des Präsidenten Emmanuel Macron in seiner „Rede an die Franzosen“ vom 16.3., die zwischen 25 und 35 Millionen Bürger*innen an ihren Bildschirmen zu Hause mitverfolgten, mehr als bei jedem Fußballweltmeisterschaftsendspiel. Sie zeigt sich in den Heldenbildern der ersten beiden an Covid-19 verstorbenen Ärzte, gezeichnet in der lokalen Zeitung Dernières Nouvelles d’Alsace. Sie zeigt sich in den dunklen Bildern aus dem Repertoire der Katastrophen- und Kriegsmedizin, die mir überall entgegen schlagen: im vom Gesundheitsservice der Armee errichteten Feldkrankenhaus in Mulhouse, das am 26.3. seinen ersten Patienten aufnahm; in Menschen mit Ganzkörper-Schutzanzügen; in Videos vom Beladen der TGV-Sanitätszüge in einem gespenstisch verlassenen Strasbourger Bahnhof; in den Bildern von Rettungsfahrzeugen mit Blaulicht auf dem Bahnsteig im Morgengrauen, hintereinander gereiht, mit ihrer Ladung Patient*innen; in dem dickbäuchigen Militärflugzeug am nahen Flughafen Strasbourg-Entzheim, das Patienten nach Deutschland abtransportiert – dieser symbolische Funken Solidarität scheint derzeit das einzige, was von Europa übrigbleit. Neben der Kriegsrhetorik der Politik stehen die Kriegsbilder der Medizin.

Diese Epidemie trifft mich anders als die anderen von der WHO zuvor deklarierten „Pandemien“ des 21. Jahrhunderts – SARS 2002, H1N1 2009, Ebola 2015 –, auch wenn ihre Militarisierung und Versicherheitlichung gerade Ebola auf unheimliche Weise ähneln (Elliott 2015). Die derzeitige Epidemie trifft die Mitarbeiter*innen des öffentlichen Gesundheitswesens hier in Frankreich anders als andere „Krisen“ zuvor. Nicht unähnlich wie in Spanien und Italien unterliegen auch hier in Frankreich die Krankenhäuser seit einem Jahrzehnt strikten Sparmaßnahmen, und seit 25 Jahren einer strikten Ökonomisierung (Belorgey 2010; Juven 2016). In Frankreich begaben sich deshalb im November 2019 Gesundheitsmitarbeitende massiv in den Streik, für den Erhalt der öffentlichen Krankenhäuser; im Januar 2020 traten über 1000 Chefärzt*innen aus Protest von ihren administrativen Aufgaben in der Krankenhausverwaltung zurück; am 30.3.2020 rief ein Kollektiv aktivistischer Gesundheitsvereinigungen wie Act-Up und das Collective Inter Hôpitaux das oberste französische Verwaltungsgericht an, um gegen die Rationierung von Schutzmaterial und Medikamenten zu agieren und sich für deren öffentliche Bereitstellung starkzumachen, inmitten der Epidemie. Schon lange warnen im Gesundheitswesen Arbeitende, Global Health-Expert*innen und Sozialanthropolog*innen vor den tödlichen Folgen der Austeritätspolitik an vielen Orten weltweit (Juven & Lemoine 2018; Kehr 2019; Schrecker & Bambra 2015; Stuckler & Basu 2013). Jetzt sind die Folgen da. Dans la geule, wie man in Frankreich sagen würde, right in your face! „Macron kann auf das öffentliche Krankenhaus zählen – das Gegenteil bleibt noch zu beweisen“, ist der Slogan auf einem Foto, das auf sozialen Medien kursiert, um den Präsidenten in die Verantwortung zu nehmen.

 

Illustration 2: #sauvonslhopitalpublic. Copyright: collectifinterhop #sauvonslhopitalpublic #kairos https://www.instagram.com/p/B9L1YQPIgNW/.

Ich kann nicht mehr auf der anderen Seite der Epidemie stehen, oder auf der anderen Seite des Diskurses. Ob die Maßnahmen um Covid-19 übertrieben sind oder nicht, scheint keine produktive Frage mehr. Im Moment finde ich keinen Weg aus dem Diskurs, schreibe stattdessen aus der Mitte dieses nervösen Systems heraus, vorübergehend, hastend nach neuen Informationen, und doch immer hinterherhinkend. Ich versuche, allmählich mein Schreiben und Denken mehr oder weniger systematisch mit dem von alltäglicher Austerität geprägten Vorher der öffentlichen Gesundheitsversorgung zu verknüpfen, das mich in meiner Forschung umtreibt. Gefangen im Diskurs bleibt es mir aber unmöglich, ihm heute äußerlich zu sein, wie Foucault es sich kokett auf den ersten Seiten der „Ordnung des Diskurses“ wünschte, wie oben zitiert. Gleichzeitig war Foucault es, der uns wie kein anderer Mittel an die Hand gab, um die Mächtigkeit, die Regeln, die Hierarchien, die Verbote und Gebote von Diskursen zu analysieren, von außen, und dennoch in ihrer vollen Materialität. Bisher gelingt es mir kaum.

Die Mächtigkeit und Materialität des Covid-19-Diskurses geht jeden Tag aufs Neue durch mich hindurch. Über Twitter, über die Websites von Zeitungen, über die virtuellen Apéros mit Freund*innen und Kolleg*innen, über den Strom von Corona Diaries- und #Witnessing-Aufrufen wie diesen, auf den ich antworte. Ich ernähre mich vom Covid-19-Diskurs, ekele mich vor ihm, bin abgestoßen und angezogen, bulimisch. Nie ist mir deutlicher geworden als jetzt, was Foucault mit der „schweren und bedrohlichen Materialität“ (Foucault 1994: 11) der Diskurse meinte. Ich kann ihr nicht entrinnen.

Auch wenn diskurstheoretische Ansätze inzwischen mehr zur Geschichte denn zur Avantgarde sozialanthropologischer Forschung gehören, lebe ich im Hier und Jetzt im Diskurs, schreibe in ihm, an ihm, sich seiner Materialität hingebend, ohne analysieren zu können oder zu wollen. Die Nervosität übersteigt seine Regelhaftigkeit und den Wunsch nach Verstehen, ja verunmöglicht beides. Taussig fragte: „How to write the Nervous System that passes through us and makes us what we are?” (1992: 10). Wie kann man die Nervosität des Pandemie-Diskurses schreiben, wenn er einen durchdringt? Taussig riet zu einer Form von Wissen, die sich dem Phänomen hingibt, anstatt von oben herab darüber nachzudenken: „knowing is giving oneself over to a phenomenon rather than thinking about it from above“ (1992: 10). Wie lange kann man sich der Nervosität hingeben? Wie lange durch sie denken? Die derzeitige Nervosität wird irgendwann vorbei sein, eine andere wird folgen. Ich kann meine Augen und Ohren nicht schließen. Und doch schließe ich meine Augen und Ohren. Es ist Luxus. Es ist Notwendigkeit. Und dann lasse ich mich wieder überwältigen von der überwältigenden Nervosität der Pandemie, gebe mich ihr hin, bis ich die Augen wieder vor ihr schließe. Bis zum nächsten Mal.

Per WhatsApp textete mir gestern Elena, eine befreundete Ärztin aus Madrid. Ihr zu schreiben, traute ich mich schon gar nicht mehr, trotz meiner Sorge um sie und ihre Kolleg*innen der Infektionsstation, die mit ungenügend Schutzkleidung täglich zur Arbeit gehen: „Wenn das alles vorbei ist… sprechen wir darüber… was man verbessern muss.“ Sie textete Aufschub. Wenn ich schon nicht dem Wunsch nachgehen kann, auf der anderen Seite des Diskurses zu stehen, dann wünsche ich mir Aufschub wie Elena. Ist Aufschub eine Form von Widerstand gegen den Zwang der Krise? Wie kann Aufschub gelingen, ohne das Archivieren der nervösen digitalen und medialen Momente des Sich-Hingebens der Pandemie zu vergessen? Wie Aufschub erreichen, ohne täglich die alltägliche Improvisierung und Neuerfindung von Medizin im Kleinen zu dokumentieren, aus der medial vermittelten Distanz? Ich wünsche mir, dass ein vorsichtig archivierender Aufschub von heute den Widerstand von morgen wiederaufleben lässt. Nicht den Widerstand gegen die Pandemie, oder gegen die Krise; sondern den Widerstand gegen die schleichende Zerstörung der Möglichkeit einer öffentlichen und gerechten Gesundheitsversorgung für alle, die sie brauchen, auch jenseits von Covid-19 und nationalen Grenzen.

Geschrieben am 30.3.2020, überarbeitet am 2.4.2020

[1] Foucault 1994: 9. Im Original: „Il y a chez beaucoup, je pense, un pareil désir de n’avoir pas à commencer, un pareil désir de se retrouver, d’entrée de jeu, de l’autre côté du discours, sans avoir eu à considérer de l’extérieur ce qu’il pouvait avoir de singulier, de redoutable, de maléfique peut-être.“ Anmerkung der Verfasserin: das Wort „unheilvoll“ ist meine Übersetzung für das französische Original „maléfique“, in der Übersetzung von Walter Seitter im Fischer Verlag mit „verderblich“ übersetzt.

Autorin

Janina Kehr ist Sozialanthropologin mit Forschungsschwerpunkt Medizinanthropologie am Institut für Sozialanthropologie der Universität Bern. Nach Covid-19 hofft sie, sich wieder der Arbeit an ihrem Buch zu Medizin in Zeiten der Austerität in Spanien widmen zu können, in dem sie öffentliche Gesundheitsinfrastrukturen und Care-Praktiken an der Schnittstelle von Schuldenökonomien, staatlicher Bürokratie und alltäglichen Erfahrungen untersucht.

#WitnessingCorona

This article was simultaneously published on boasblogsWitnessing Corona is a joint blog series by the Blog Medical Anthropology / MedizinethnologieCurare: Journal of Medical Anthropology, the Global South Studies Center Cologne, and boasblogs.

Bibliographie

Belorgey, Nicolas. 2010. L’hôpital sous pression. Enquête sur le « nouveau management public ». textes à l’appuie. Paris: La Découverte.

Beyer, Judith. 2020. « On Being Voices of Prudence in Times of a Pandemic – #Corona ». Allegra (blog). 23 mars 2020. https://allegralaboratory.net/on-being-voices-of-prudence-in-times-of-a-pandemic-corona/.

Caduff, Carlo. 2018. Warten auf die Pandemie: Ethnographie einer Katastrophe, die nie stattfand. Göttingen: Konstanz University Press. https://public.ebookcentral.proquest.com/choice/publicfullrecord.aspx?p=5302288.

Elliott, Denielle. 2015. « Other images: Ebola and medical humanitarianism in Monrovia ». Medicine Anthropology Theory | An open-access journal in the anthropology of health, illness, and medicine 2 (2): 102. https://doi.org/10.17157/mat.2.2.277.

Engelmann, Lukas. 2020. « #COVID19: The Spectacle of Real-Time Surveillance ». Somatosphere (blog). 6 mars 2020. http://somatosphere.net/forumpost/covid19-spectacle-surveillance/.

Foucault, Michel. 1994. Die Orgnung des Diskurses. Frankfurt am Main: Fischer.

Ioannidis. 2020. « In the Coronavirus Pandemic, We’re Making Decisions without Reliable Data ». STAT (blog). 17 mars 2020. https://www.statnews.com/2020/03/17/a-fiasco-in-the-making-as-the-coronavirus-pandemic-takes-hold-we-are-making-decisions-without-reliable-data/.

Juven, Pierre-André. 2016. Une santé qui compte ? Les coûts et les tarifs controversés de l’hôpital public. Paris: Presses Universitaires de France.

Juven, Pierre-André, et Benjamin Lemoine. 2018. « Politiques de la faillite ». Actes de la recherche en sciences sociales, no 221‑222 (mai): 4‑19. https://doi.org/10.3917/arss.221.0004.

Kehr, Janina. 2019. « Se plaindre des soins dans l’Espagne de l’austérité ». Mouvements n° 98 (2): 32‑42.

Rosanvallon, Pierre. 2020. « Crise sanitaire : le retour de l’Etat », 2020. https://le1hebdo.fr/journal/numero/290, accessed on 02.03.2020.

Schrecker, Ted, et C Bambra. 2015. How Politics Makes Us Sick: Neoliberal Epidemics.

Stuckler, David, et Sanjay Basu. 2013. The Body Economic: Why Austerity Kills. Basic Books.

Taussig, Michael T. 1992. The Nervous System. New York/London: Routledge.

Konzert. Körper. Resonanz. Ein musikalischer Reisebericht.

von Bitten Stetter 

Professorin am Department Design an der Zürcher Hochschule der Künste und Doktorandin am Institut für Sozialanthropologie und an der SINTA. Text verfasst im Rahmen der ethnographischen Schreibwerkstatt FS 2020, Institut für Sozialanthropologie, Universität Bern.

Deichkind gab ein Konzert in Zürich. Wir standen auf der Gästeliste. Ich kenne zwei von ihnen aus Hamburg. Ich traf drei Freunde in Oerlikon. Es regnete in Strömen. Unsere durchweichten Kleider und Gesichter drückten wir zur Begrüssung beherzt aneinander. Der Bahnhof war voll mit Menschen. Sie rannten wie wir zum Bus. Wir verteilten uns auf die Türen. Die Stimmung war freudig erregt. Die Menschen hielten ihre Bierdosen hoch, um weniger Platz im Bus einzunehmen. Es tröpfelte von allen Seiten, mal von den Mützen, mal aus den Dosen, mal aus den Mündern. Es wurde gelacht, gehustet, genossen, woher welche Feuchtigkeit kam war schwer auszumachen. Die Enge wirkte sich positiv auf die ausgelassene Atmosphäre aus. Bei Türöffnung schwappten alle aus dem Bus, weiter in die Schlange und dann in die Halle. Ich bin selten auf Grosskonzerten, dennoch sind mir diese Prozeduren bekannt. Wären wir nicht eingeladen, wäre ich nicht hier. Björn, einer von Deichkind, traf uns am Merchandise-Stand. Wir umarmten uns, sprachen über die Tour, bekamen «After-Show»-Instruktionen und teilten News aus Hamburg. Dann holten wir Bier. Wir winkten und küssten andere Bekannte, stiessen an und drückten uns durch die Menschenmenge an die Stelle, die uns Björn empfohlen hat. Dort trafen wir später Hennig. Deichkind legte los. Das Publikum wippte, rückte Song für Song näher zusammen. Ich spürte das verschwitzte Shirt meines Vordermannes. Ein Freund beugte sich runter, fragte, ob wir zur Bar wollen, ein Tropfen perlte von seinen Haaren in mein Gesicht. Ich wischte ihn mir offensiv weg. Wir lachten. Im Dunkeln bahnten wir uns den Weg durch das tanzende Dickicht. Wir drückten mit den Händen Personen sanft zur Seite, erspähten Schlupflöcher und schlängelten uns durch. Wie wir uns bewegten wirkt automatisiert und trainiert. Kurz Lächeln, dann «Sorry», «Vorsicht», «Danke» sagen, mit der Hand den Körper wegdrücken. Das rhythmische Bewegen überspielte die Grenze zwischen Gehen und Schubsen. Die tänzelnde Störung brachte niemanden aus der Ruhe. Auf der Bühne läuft passend «Bude voll people». Wir hielten an, trafen Bekannte, nahmen uns mit den Worten «Ganz schön heiss hier» in den Arm. Die Kleidung war glitschig. Das Konzert nahm seinen Lauf, endete mit Stage-Diving und Zugaben. Wir gingen Backstage. Die Bandmitglieder waren erschöpft, die Tour hinterliess ihre Spuren, wir redeten, doch lange ging die After-Show-Party nicht. Die Crew baute parallel ab, die nächste Show war am nächsten Tag. Es war der 27.02.2020. Am nächsten Tag wurden Veranstaltungen in der Schweiz wegen Covid-19 abgesagt. Das Konzert in Stuttgart fand noch statt.

Einen Monat später lief ich durch Zürich. 50 min Fussweg zu einer Freundin, in Trams und S-Bahnen steige ich nicht mehr ein. Die Strassen waren wenig bevölkert. Die Menschen, denen ich begegne, scheinen innerhalb eines Monats ihren Körperräume neu definiert zu haben. Sie schlagen sich nicht mehr durch das Dickicht von Menschen und durchstossen mit ihren Körpern und Rucksäcken keine Engpässe im Nahverkehr mehr. Kein Stau, kein Drängeln. Unsere Blicke sind weder auf das Smartphone noch auf den Boden gerichtet. Das Navigieren durch die Stadt fühlt sich an wie Mario Kart von Nintendo. Man versucht von weitem die «Gefahrenzone Mensch» zu fokussieren und den Abstand zu erfassen. Kurz vor dem Hindernis abbremsen, dann mit Abstand das Schritttempo erhöhen und mit Vollgas am Feind vorbeiziehen. Dabei das Hindernis mit scharfem, prüfendem Blick weiträumig umgehen. 

Die Goffman’sche Sphäre, die unsere Körper umgibt, variiert je nach Setting, Milieu und Zeitgeist und ist Marginalisierungs- und Normalisierungsprozessen unterworfen. Durch die Ereignisse der letzten Wochen hat sich die Goffman’sche Blase, wie Prof. Dr. Christoph Mäder sie bezeichnet, wie ein überdimensionaler Luftballon im Radius von zwei Meter aufgeblasen. Verschwammen die klaren Grenzen von Raumkörpern und Körperräumen durch Globalisierungsprozesse in den letzten Jahren, scheinen sie gegenwärtig schärfer als je zuvor. Prozesse der Körpergrenzauflösungen durch kulturelle Vermischungen scheinen der Vergangenheit anzugehören. Neue Verteidigungstechniken der Grenzen und ein neuer Grenzaufbau findet statt, und das Bedürfnis nach Verfügungsgewalt über den Körperraum scheint zu wachsenNach Gugutzer gibt es zwei zentrale Perspektiven auf den Körper. Der Körper ist sowohl Produkt wie Produzent von Gesellschaft (vgl. Gugutzer 2004: 6). Er wird einerseits durch Gesellschaft geformt, gestaltet, zugerichtet und wird andererseits zur (Re-)Produktion von Gesellschaft aktiv genutzt. Damit ist der Körper konstitutiv für die Herstellung von sozialer Wirklichkeit. Denn eine Körperpraktik, so Reckwitz, «besteht aus bestimmten routinierten Bewegungen und Aktivitäten des Körpers» (Reckwitz 2003: 290), die einerseits für die Inkorporation (Bourdieu) von Wissen über neue Körperräume, wie auch zur Stabilisierung neuer gesellschaftlicher Normen und Konventionen zuständig sind. (vgl. ebd.). 

Das Abstandhalten lässt sich als Produktion einer neuen sozialen Wirklichkeit im Vollzug beschreiben. Auslöser ist eine unsichtbare Kraft. Wir weichen nicht aus vor «body extensions», wie Rucksäcken oder Bierdosen, sondern vor Covid-19. Die Viren und der Ansteckungsprozess sind nicht direkt sinnlich erfahrbar, sondern reine Geisteskonstrukte, die auf wissenschaftlichen Erkenntnissen und Prophezeiungen beruhen. Erst unsere Körperhandlungen schaffen soziale Tatsachen. Diese Körperpraxen bestimmen Atmosphären, prägen die «Beziehungen zwischen Umgebungsqualitäten und den Befindlichkeiten» mit (Böhme 1989:  30), die wir «Leibfühlen» (ebd.) können. Schlängeln und Drängeln sind erlernte Techniken des vergesellschafteten Körpers, die sich als Habitus in den Gesellschaftskörper eingeschlichen haben. Diese Gewohnheiten «variieren nicht nur mit den Individuen und ihrer Nachahmung, sie variieren mit den Gesellschaften, den Erziehungsweisen, den Schicklichkeiten und den Moden, dem Prestige. Man hat darin Techniken und das Werk der individuellen und kollektiven praktischen Vernunft zu sehen» (Mauss 1996: 202f.). Was ist eine Grossstadt ohne Schlängeln? Was ist Musik ohne Resonanz? Was ist ein Konzert ohne rhythmisches Drängeln und ohne Schwingung eines anderen Körpers? Wie wird der Virus die individuelle und kollektive praktische Vernunft verändern? Und welche Effekte hat dies auf Atmosphären und unser «Leibfühlen»? Wird Covid-19 den Rhythmus der Zukunft mitbestimmen und unsere Gesellschaft zerteilen, da nicht alle Menschen auf Grund ihrer Bildung, Herkunft oder politischen Haltung, das neu erlernte körperliche Vokabular auf gleiche Weise verinnerlicht haben? Wer ist zukünftig unsichtbarer und sichtbarer Feind?

 

Böhme, Gernot (1989): Für eine ökologische Naturästhetik. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.

Gugutzer , Robert (2004): Soziologie des Körpers. Bielefeld :Transcript.

Mauss, Marcel (1996): Soziologie und Anthropologie. Hamburg: Fischer

Reckwitz, A. (2003) : 290) Grundelemente einer Theorie sozialer Praktiken: 

Eine sozialtheoretische Perspektive.  In:_ Zeitschrift für Soziologie, Jg. 32, H. 4,  S. 290. 

 

Ein Ausflug in das Reich der Ausnahmen.

Von Omar Ibrahim

Omar Ibrahim studiert  MA Major Sozialanthropologie / MA Minor Philosophie. Text verfasst im Rahmen der ethnographischen Schreibwerkstatt FS 2020, Institut für Sozialanthropologie, Universität Bern

Es ist ein frischer Märztag in der Schweiz 2020. Heute treffe ich mich ausnahmsweise mit einer guten Freundin Lena, die ich sie seit vergangenem Jahr nicht mehr gesehen habe. Das Treffen ist eine Ausnahme, weil der Bundesrat das Schweizer Volk dazu aufgerufen hat, private Treffen zu vermeiden, um die weitere Ausbreitung des COVID19 zu verhindern. Nach monatelanger Pause, da sie im Ausland studiert hatte, wollen wir uns jetzt doch treffen. Nur ein einziges Mal zur Ausnahme. Zeitgleich mit mir verlässt auch mein Mitbewohner unsere Wohnung. Er hilft einem Freund beim Umstellen und Ausräumen der Wohnung. Auch das wiederum nur eine Ausnahme.

Der Bundesrat geht mit seinem Aufruf implizit auf die Rechtfertigung von John Rawls (2014) zurück. Um die Ausbreitung des Virus einzudämmen, muss jede einzelne Person sich als möglicher Vektor (Überträger*innen) auffassen, auch wenn keine Symptome vorhanden sind. Wir müssen uns dabei vorstellen, alles könnte möglich sein und wir treten hinter den Schleier des Nichtwissens zurück. Wir wissen dabei nicht, ob wir krank sind oder nicht und deshalb müssen wir uns so verhalten, als wären wir krank. Nur so ist ein faires Verhalten möglich, indem wir davon ausgehen, als wären wir in der am wenigsten privilegierten Position der Gesellschaft (Überträger*innen oder Personen aus der Risikogruppe). Ausnahmen sind in diesem Falle nicht zu rechtfertigen. 

Lena und ich treffen uns daher im Wald, weil wir dort kaum Menschen erwarten. Der Wald ist kein Ort, wo eine Grosszahl an Leuten arbeiten müssen, noch ist er ein Transitort, durch den man durchreisen muss. Ebenso ist der Wald entfernt von Lebensmittelgeschäften oder Apotheken, die für die Gesellschaft noch geöffnet sind. Als wir im kleinen Wald im Norden der Stadt Bern ankommen, finden wir uns jedoch unter deutlich mehr Menschen als man gewöhnlich an so einem kühlen Frühlingstag erwarten könnte. Schon am kleinen Spielplatz vor dem Wald tummeln sich Familien mit Kindern, ältere Leute gemeinsam auf Sitzbänken, Joggerinnen und Paare bei ihrem Spaziergang. Auf allen Wegen, die sich wie ein Spinnennetz durch den Wald ziehen, finden sich unzählige Menschen.

Wir wundern uns über ein solches Verhalten und dabei fällt uns auf, dass diese Leute dasselbe Verhalten wie wir aufweisen. Auch sie machen eine Ausnahme. Der öffentliche Raum in der Schweiz als Feld (im Sinne Bourdieus, 2018) hat sich durch den Aufruf des Bundesrates deutlich verändert. Man soll sich nicht mehr unnötigerweise draussen aufhalten. Menschen versuchen nun anhand ihrer eigenen Optionen und nach ihrem eigenen Ermessen, sich auf diesem Feld zu behaupten, indem sie ihr Verhalten als Ausnahmen rechtfertigen. Die Vorstellungskraft wird nun also nicht im Sinne Rawls verwendet, sondern um Gründe für die eigenen Ausnahmen zu finden. Trotz allem herrscht ähnlich wie die politischen Geister Lacans (vgl. Pagel, 2019) eine merkwürdige Atmosphäre im Wald, denn die Menschen sind sich ihrer Ausnahmen bewusst und sehen, wie sie von den anderen in ihrem Verhalten gesehen und ertappt werden. Auch uns beiden wird dies beim Spaziergang offensichtlich. 

Aus schlechtem Gewissen versuchen wir daher, uns auf möglichst unbewanderten Wegen zu bewegen und uns den Augen der Öffentlichkeit zu entziehen. Ein Versuch, die Ausnahme wieder unsichtbar werden zu lassen. Aber auch dort treffen wir Menschen, die das Selbe wie wir gedacht haben. Und so bricht Rawls’ Idee einer fairen, rücksichtsvollen Gesellschaft wie ein Kartenhaus in sich zusammen.

 

Literatur:

-Bourdieu, Pierre: Entwurf einer Theorie der Praxis, 2018

-Pagel, Gerda: Jacques Lacan zur Einführung, 2019

-Rawls, John: Gerechtigkeit als Fairness, 2014

Virus and the City: Urban Experiences in Self-Isolation.

von Sabrina Stallone 

Doktorandin am Institut für Sozialanthropologie, Universität Bern, Text erschienen bei Allegra Lab

Bild: Allegra Laboratory, 2020
Bild: Allegra Laboratory, 2020

The way we make sense of space has radically changed as a novel Coronavirus spread, with no clear end in sight. While our physical surroundings shrink and our affective geographies might extend enormously, how do we still make use of and perceive the cities with which we identify, that glue together our social networks, our structures of solidarity and dissent? With my doctoral ethnographic research delayed indefinitely, I can’t refrain from thinking what the city as a receptacle and catalyst of social life brings into the analysis of global pandemics – or where it falls short. Why and how does living in and representing the city still matter in times of solitary confinement and isolation? And how can this moment of crisis be used to rethink what we want our cities to be?

These questions reminded me of a vignette in James Holston’s 1989 ethnography of Brasília. One of his interlocutors, having moved to the new capital from another Brazilian city, stated that one of the most profoundly shocking aspects of his new place of residence was its lack of street corners. He remembered his native city, in which he walked to the same corner every time he wanted to “meet a friend, pass the time, find a neighbour or hear the news” (1989: 105). With street corners replaced by residential cul-de-sacs or high-speed roads and traffic circles, urbanity, in his eyes, could not be recreated. The street corner stands as a node for information exchange, economic trade, and social interaction.

In preparation for my now postponed fieldwork, I articulated a gendered critique of the street corner as described in Holston’s analysis, one indebted to a number of great feminist urban ethnographies that illustrate how, for LGBTQ+ folks and non-male bodies, the urban street corner can be a site of danger; and in most parts of the world, a site where a body’s respectability is inevitably negotiated or challenged. But currently, the street corner has simply become fully unavailable, inaccessible. The spread of a viral disease, as The New York Times has proclaimed, is essentially anti-urban. It simply leaves the corners of our sociality unused, and thus useless.

Holston describes the street corner as an aorta of urban life, but only within a web of relations. It gives vitality to the squares, shops and residences it punctuates, but it can only survive if the storefronts and apartment blocks are dynamic, permeable; only if the city as site of capitalist acceleration is not completely hollowed of its relational component. As political scientist Carlotta Caciagli pointed out in the Italian Jacobin, in times like these, the urban public space makes us uncomfortable, we no longer belong to it and it no longer belongs to us. It becomes merely the connection of thousands of private spaces, which, once left, need to be returned to in the briefest time possible.

But it is not only the vitality of the producer-consumer coordinates that falters under these conditions, with cafés devoid of personnel and customers and corner store fridges humming unraided. In an illuminating piece for Society & Space, Abdoumaliq Simone and Michele Lancione ask how we can keep the infrastructures outside of our domestic confinements functioning and responsive for those who cannot afford to stay inside. That most of the service industry is on lockdown cuts into the livelihoods of those who do not directly benefit from remunerated labour, but from its ripples: those who populate the publicness of our cities at large, street vendors, sex-workers, the unemployed, retired, informal workers and dwellers, whose nodes come undone. These issues point to broader questions concerning the inequalities of liveable infrastructures:

Looking at the relationality of a street corner as a metonymy for urban experiences, especially through a gendered lens, can help us understand the interlinkages of city and sociality.

Consider the news headline about a women’s shelter in Zurich, regularly offering 24 beds to women in need, which had to go into quarantine on March 25 and block new intake after one of the temporary residents was tested positive with the novel virus. In a number of Swiss cities, there had already been a scarcity of sites of refuge or support for women prior to the crisis, with many a shelter at constant capacity (SODK 2019; Stiftung gegen Gewalt 2018). The lack of safe spaces – as well as the “coming undone” of potentially less safe, but essential nodes in the public space – in one of the most expensive countries in the world rearranges the urban geographies of women in need, driving them out of cities or fully keeping them in the confinement of precarious or abusive homes. Even in more diffuse cases of abuse, with inevitable job loss and the proverbial “second shift” at home abounding, lifetime earnings might never recover for single female earners or heads of family.

The publicness of corners and squares is the ground on which these inequalities unfold, but also where the city allots room to protest, contest, make oneself heard.

As architect and planner Mohammad Gharipour argues, the democracy of public space is reflected in the architectural maximization of space in which people can stage independence protests, or later commemorate them (2016: 6). This definition points to the inherently relational nature of urban publics, as it does not only include the architectural emptying of a space for protest, but also its framing; its ability to become an arena, because it can be observed and entered, filled, from a range of vantage points and corners. The “contemporaneity” of cities, which includes in an Arendtian public sphere gathering to practice the relational performance of being political collectively, is officially inhibited, or at least severely limited in times of lockdowns and self-isolation.

In my hometown of Zurich, the local chapter of the feminist strike movement, assembled in preparation for and further fuelled by the National Women*’s Strike of June 2019, has relentlessly addressed the above-discussed gendered inequalities of the pandemic. While many of their actions have focused on the online dissemination of essential information (hotline numbers and mapping initiatives for precarised people), considerable urban protest has manifested around visible corners, bridges and walls, proclaiming calls to action and palimpsestically amending existing political discourse.

On March 26, a subchapter of this collective organised a wake on Zurich’s Helvetiaplatz, which it has dubbed “Ni Una Menos Square” as an homage to the homonymous Latin American movement against gender-based violence. The event, a ritual staged every Thursday night after the murder of a woman* somewhere within Swiss borders, served as a commemoration of a recent victim of femicide in Switzerland. The wake was attended by 22 women*, songs were sung, information shared and mutual encouragement was given, even across reputedly safe physical distance.

The square’s function as a public stage was perhaps diminished in its immediacy by the lack of passers-by and onlookers that usually characterize the square; but its role was strengthened as a node of much-needed affective exchange between activists in a time where its conditions of possibility are impoverished.

Although the women* followed federal regulations concerning metric proximity, police in three cars surrounded them after 25 minutes and threatened to press immediate charges should the square not be vacated. The group broke up and quietly dispersed in different directions.

The images of these and more acts of protest were quickly disseminated online, emphasizing the localised trajectories of digital networks, often defined through their deterritorial reach. There is a ceaseless flow of words and symbols that abide by the solidarity measures of physical distancing while strengthening the voices of dissent; and those who observe the action from armchair sidelines, rooftop terraces and other thresholds feel included and, ideally, keep vigil over the rights to their city, and the city in general. The crisis thus might weaken the power of the street corner and the square it opens up to in their relational materiality, but it also gives us a much-needed stimulus to rethink what we want our urban contemporaneity to be, possibly making us reach beyond our languid roles of producers or consumers.

A city, as social constructivists have told us, is whatever we decide to deem as such. A lot of power is given to dwellers in that definition: In times of crisis, it is a power to be seized. With respect to the street corner and what pertains to it, Abdoumaliq Simone and Michele Lancione call for an “undisciplined politics of inhabitation”, in which we ask ourselves not only what infrastructures do to us, but what we can do to infrastructures to attune them to our needs and sensibilities.

We need to stay alert when public health strategies start folding into political repression, and find dissenting tactics to keep the political pulse of our public spaces running even if it means circumventing the affect and effect of physical contemporaneity; we must fully summon the power of internet ecologies, and pressure our municipalities to remain receptive to the actions of solidarity their citizens are setting up, at every corner.

I was talking to a friend a few days ago, on one of these digital “bumps into each other” that virtually echo that crucial element of our city experience. When exchanging bits of news about his urban experiences under self-isolation and mine, he suggested that we should hijack the lockdown of cities in the long run, make it our global strike demanding to rethink our futures; the biggest détournement in history. It’s indeed a great idea, one borne out of the thresholds from which we observe. And cities – even now – yield the relational infrastructures that we need to implement it.

 

References:

Gharipour, M. (2016). “Urban landscape: public space and environment in cities of the contemporary Middle East.” In: Contemporary Urban Landscapes of the Middle East. Ed. by Mohammad Gharipour. New York: Routledge.

Holston, J. (1989). The Modernist City: An Anthropological Critique of Brazilia. Chicago: Chicago University Press.

SODK (2019). “Situationsanalyse zum Angebot und zur Finanzierung der Not- und Schut-zunterkünfte in den Kantonen. Grundlagenbericht.” Bern: SODK.

Stiftung gegen Gewalt (2018). “Jahresbericht 2018.” Bern: Stiftung gegen Gewalt an Frauen und Kindern.

Flache/Spiky Corona-Welt

Von Sarah Volken

Sarah Volken studiert im BA-Minor Sozialanthropologie und im BA-Major Geographie. Den vorliegenden Text verfasste sie im Rahmen der ethnographischen Schreibwerkstatt FS 2020, Institut für Sozialanthropologie, Universität Bern

Stau. Auf der Nebenspur fahren die LKWs an uns vorbei. Ich sitze mit R., den ich heute in Salzburg kennengelernt habe, im Auto. Er sitzt hinter dem Lenkrad und ich auf dem Beifahrersitz. Die Mitfahrgelegenheit von Salzburg nach Zürich habe ich gestern gebucht, als die anderen Möglichkeiten, in die Schweiz zu fahren, gesperrt wurden. Normalerweise nehme ich den direkten Zug von Wien nach Zürich. Die österreichischen Züge fahren aber seit 2 Tagen wegen des Corona-Virus nicht mehr über die Schweizer Grenze. Deshalb habe ich einen Nachtzug nach München gebucht, um von dort mit einem Bus in die Schweiz zu gelangen. Kurze Zeit später sind Bus und Zug abgesagt worden. Ich habe Glück gehabt, dass ich eine Mitfahrgelegenheit gefunden habe. Die Zeit vergeht, die LKWs fahren an uns vorbei (Gütertransport ist nicht eingeschränkt) und ich und R. plaudern ein bisschen. Die Grenze rückt Stück für Stück näher und ich bin mir zum ersten Mal bewusst, dass zwischen der Schweiz und Österreich eine Grenze ist – eine wirkliche Grenze. Als Schweizer Staatsbürgerin, die Zeit ihres Lebens nur innerhalb Europas unterwegs war, waren Grenzen für mich nichts Weiteres als Zollbeamte, die freundlich nickten, wenn überhaupt Zollbeamte vor Ort waren. Dass Güter oder Menschen ständig (zumindest einige) Grenzen überquerten war Alltag. 

Ich habe bislang in einer flachen Welt gelebt (Friedmann, 2005). Einer Welt, die, so meine Erfahrung, durch moderne Kommunikationstechniken und den günstiger werdenden Transportmöglichkeiten zu einem, um Marshall McLuhans Begriff zu verwenden, globalen Dorf wird. Vor allem seitdem ich regelmässig nach Österreich reise, schien mir das noch mehr der Fall zu sein. Endlich stehen wir an der Grenze. Jedes Auto wird kontrolliert. Als Schweizer Staatsbürgerin und als Arbeiter am Flughafen Zürich dürfen wir ohne grosse Probleme passieren. Ich merke, dass ich erleichtert bin, dass alles geklappt hat. Nach einer Weile weicht meine Erleichterung einem Gefühl der Unsicherheit und des Unwohlseins, als mir klar wird, dass die Grenzen hinter mir gerade in die Höhe schnellen und meine Welt für eine Zeit lang spiky sein wird (Florida, 2005)[1].

Den Gedanken der spiky Welt hatte ich seitdem öfters. Nicht nur international wurde meine Welt spiky. So pendle ich jetzt nur noch selten von meinem Heimatort im Wallis nach Bern, wo ich studiere. Auch regional bewege ich mich weniger. Verlasse ich jetzt das Haus, habe ich einen Grund dafür und bin mir dessen, im Vergleich zu vorher, auch genauestens bewusst. Die Massnahmen gegen die Krise lassen meine Welt spiky werden. Während eines Spaziergangs Anfang März, als es erst wenig Massnahmen gab, traf ich eine ältere Dame. Sie war sehr erstaunt darüber, dass sich ein Virus aus China bis zu uns ausgebreitet hat. Die schnelle Ausbreitung des Virus machte ihr bewusst, wie stark vernetzt unsere Welt ist, wie flach sie ist. So werden in der jetzigen Krise sowohl die Grenzen wieder spürbarer als auch die Vernetztheit der Welt sichtbarer.

 

Literatur:

Florida, Richard. 2005. The Flight of the Creative Class: The New Global Competition for Talent.

New York: Harper Business.

Friedman, Thomas L. 2005. The World is Flat: A Brief History of the Twenty-First Century.

New York: Farrar, Straus und Giroux.

 

[1] Florida bezieht diesen Begriff auf wirtschaftliche Zentren, die sich bilden, während andere Orte trotz der Globalisierung abgeschottet bleiben. Dennoch möchte ich seinen Begriff hier als Gegenbegriff zur flachen Welt von

Friedmann benutzen.

(M)ein Corona-Unterrichtsexperiment

von Sandra Mooser 

PhD-Studierende und Lehrbeauftragte am Institut für Sozialanthropologie, Universität Bern

 

Dieses Semester wurde ich das erste Mal als Lehrende am Institut angestellt. Nach Jahren des Unterrichtens in der Erwachsenenbildung hatte ich somit erstmals die Gelegenheit mit Universitätsstudierenden zu arbeiten und mit ihnen über mein eigenes Forschungsgebiet – die transnationalen Dimensionen der nigerianischen Filmindustrie Nollywood – zu diskutieren. Für mich wurde damit ein kleiner Traum wahr, auch wenn dessen Umsetzung während des Semesters ganz unerwartete Formen annehmen sollte.     

Die Vorbereitung

Vor dem eigentlichen Semesterbeginn vertiefte ich mich in die Vorbereitungen meines Kurses. Ich hatte viele Ideen und versuchte Wege zu finden, den Studierenden mein Thema so anschaulich und interaktiv wie möglich im Klassenraum näher zu bringen. Ich setzte dabei in meinem Kursprogramm auf Referate, Gruppenaufgaben, diverse Diskussionsformen sowie das Anschauen themenrelevanter Dokumentar- und Spielfilme. Auf diese Weise wollte ich bei unseren Treffen, die alle zwei Wochen stattfinden sollten, verschiedene pädagogische Arbeits- und Sozialformen ausprobieren. Es war mir klar, dass die neue Unterrichtssituation ein Experiment sein würde, und auch ein gewisses Risiko bestand, dass nicht alles wie geplant funktionieren würde. Dennoch freute ich mich sehr darauf, mich in die Welt des Dozierens zu begeben.  

Der Beginn

Mit diesem Lehrplan in der Hand startete ich mit den Studierenden ins neue Semester. Am ersten Kurstag lernten wir uns kennen und besprachen den Kursplan sowie die zu erbringenden Leistungen. Ausserdem machten wir ein erstes Brainstorming zu Nollywood und schauten zur Einstimmung die Rede „The Danger of a Single Story“ der nigerianischen Autorin Chimamanda Ngozi Adichie auf YouTube. Bei unserem zweiten Treffen suchten wir in Gruppen den Weg durch ein Lese-Domino zur Geschichte Nigerias, diskutierten den Text „The World in Creolisation“ von Ulf Hannerz und hörten ein erstes Referat zur Entstehung Nollywoods. Der Kurs begann also Fahrt aufzunehmen und es machte mir grossen Spass, die Ideen und Meinungen der Studierenden zu hören und mit ihnen darüber zu debattieren. Auch die gewählten Methoden schienen weitgehend zu passen. 

Die Wende

Gleichzeitig häuften sich jedoch Tag um Tag Berichte über den weltweit kursierenden Virus COVID-19 und intern wurde zunehmend über eine mögliche Schliessung der Universität spekuliert. Vorsorglich wurde uns deshalb nahegelegt, über mögliche virtuelle Lehrmethoden nachzudenken. Doch wie sollte ich eine Übung, die von der Diskussion und Interaktion lebte, in den virtuellen Raum verlegen? Da ich damit kaum Erfahrung hatte, recherchierte ich ein wenig online und fragte bei Kolleginnen und Kollegen nach, welche Ideen sie hatten. Bei diesem Austausch schlug mir ein Kollege die Produktion von Vortragsvideos vor, eine weitere Kollegin zeigte mir die vielen Tools unserer Lehrplattform Ilias. Als die Schliessung der Universität und damit der Fernunterricht dann tatsächlich kamen, hatte ich so dank meiner Kolleginnen und Kollegen bereits einige Ideen in petto. Ich wusste nur noch nicht so genau, wie praxistauglich sie waren.  

Die Umsetzung

Im „Home Office“ entschied ich mich dann, mein eigentliches Kursprogramm aufrechtzuerhalten und den Studierenden die gleiche Routine zu bieten, wie vor der Unischliessung. Das bedeutete, dass ich dem Lehrplan folgen, ihn aber methodisch auf Fernunterricht umstellen musste. Dazu gehörte, dass ich die Referatsgruppen von nun an darum bat, ihre Vorträge aufzunehmen und als Video auf unsere Lernplattform Ilias zu stellen, wo sie mit weiteren Übungen oder Diskussionen für jeden Unterrichtstag in eine logische Abfolge gebracht wurden. Ich überliess es den Studierenden dabei selbst, wie sie die Videos machten, sendete ihnen aber zur Orientierung ein paar Vorschläge und bot meine technische Unterstützung an. Das Ergebnis dieses neuen Ansatzes war verblüffend. Einerseits entwickelten die Studierenden eine Vielfalt an kreativen Präsentationsvideos. Während einige ihre PowerPoint-Shows mit Audios ergänzten, nutzten andere die Prezi-Plattform oder schnitten Videos aus verschiedenen Filmsequenzen und Eigenaufnahmen zusammen, die sie mit Ton unterlegten. Andererseits diskutierten sie diese Referate auch intensiv in Foren, die wir auf Ilias eröffneten, oder in unserem virtuellen Klassenraum auf Adobe Connect. Sie scheuten sich dabei nicht, Beiträge zu verfassen und ihre Meinungen frei zu äussern. Angeregt durch diese gute Annahme der neuen Lernmethoden experimentierte ich noch mit weiteren Online-Angeboten. So machte ich aus einem Pub-Quiz, das ich in der Mitte des Kurses als kollektiven Zwischentest geplant hatte, ein Quiz auf Google Forms und aus einer geplanten Frage-Antwort-Runde eine Videokonferenz auf Jitsi Meet. Der Kurs wurde also ein kreativer Spielraum, in dem wir verschiedene Methoden ausprobierten, wobei manche besser und andere weniger gut funktionierten. 

Die Nebeneffekte

Interessanterweise passte dieser neue Ansatz auch gut zu unserem Kursthema Nollywood. Die Studierenden und ich eigneten uns nämlich genau wie die erste Generation von Nollywood-Filmemachenden neue Technologien an und entwickelten für diese ganz eigene Herangehensweisen und Praktiken, um unsere Inhalte zu vermitteln. Der Kurs wurde also auch zu einem Erleben und Aushandeln von (globalen) Entwicklungsprozessen, die in den gelesenen Texten behandelt wurden. Und das war gerade deshalb so spannend, weil auch Nollywood aus einer Krise heraus entstand. In Zeiten eines Ölpreiskollapses und einer landesweiten Geldabwertung, diktatorischer Regierungen und steigender Kriminalität nahmen Kinobesuche drastisch ab und nigerianische Filmemachende fanden im Videoformat eine kostengünstige Alternative für den Filmkonsum zu Hause, wo sich die Leute am sichersten fühlten und aus der Zeit des Ölbooms bereits viele Videoabspielgeräte vorhanden waren. Ähnlich wie diese Nollywoodpioniere wurden auch wir durch Covid-19 gezwungen, neue Kommunikationsformen für zu Hause und mit der gegebenen Infrastruktur zu finden. Wir machten also eigene Erfahrungen mit Veränderungsprozessen und technischen Innovationen und konnten so erleben, was wir sonst in diesem Ausmass nur aus Texten kannten. Der weltweite Ausnahmezustand wurde also zur Chance für meinen Unterricht, um kreative Prozesse und alternative Lösungsstrategien nicht nur zu diskutieren, sondern auch praktisch mitzuerleben.    

Die Erkenntnis

Wie zu den Anfängen von Nollywood gelang uns auch nicht immer alles gleich auf Anhieb. In der Tat bin ich überzeugt davon, dass ich noch viel zum Thema Fernunterricht lernen kann. Trotzdem hat der abrupte Umstieg relativ gut funktioniert. Die Inhalte schienen beim Publikum beziehungsweise den Studierenden anzukommen und sie haben diese auch gut verstanden. Auch die Produktion der Videos und die Bereitstellung der Dokumente auf Ilias liefen gut. Ich hatte nur das Gefühl, dass die Deterritorialisierung des Lernens insgesamt auch eine gewisse soziale Distanz zwischen den Leuten im virtuellen Klassenraum hervorrief und es manchmal schwierig war, die Studierenden als Klasse abzuholen. So erhöhte das Fernstudium zwar den individuellen Fokus auf die thematischen Inhalte, gleichzeitig war es aber für mich als Lehrende auch eine Herausforderung, spontane persönliche Kommentare oder Zusatzinformationen einzubringen und mit allen zu besprechen. Ich ermutigte meine Studierenden, mir E-Mails zu schreiben, aber ich suche immer noch nach einer besseren, informelleren Form des digitalen Austausches ausserhalb der Unterrichtszeit. Umso mehr würde ich mich freuen, weitere Erfahrungsberichte oder Empfehlungen zu lesen. Denn dieses Semester, in dem ich meinen Traum des Lehrens an der Universität in die Realität umsetzen durfte, war auch ein Semester, in dem ich wohl mehr gelernt als gelehrt habe. Ja, ich würde sagen, es war eine Abenteuerreise durch die Welt der digitalen Lehrmethoden. 

von Johanna Mugler und Rahel Jud[1]

Johanna Mugler ist Post-Doc und Rahel Jud Doktorandin am Institut für Sozialanthropologie der Universität Bern.  

«Freiwillige Selbstisolation» oder das Arbeiten im «Home-Office» gehörte für einige von uns bereits vor der Coronavirus-Pandemie zur Normalität. Denn um sich auf eine wissenschaftliche Thematik einzulassen, braucht es neben Geld und Zeit vor allem Ruhe. Die Aufrechterhaltung der universitären Selbstverwaltung, der Lehre, sowie der kollaborative Austausch mit KollegInnen brachten uns aber regelmässig miteinander an einen Tisch in physisch vorhandenen Räumen. Seit Anbeginn des Lockdowns müssen diese Interaktionen nun im Cyberspace stattfinden, dafür empfiehlt die Universität Bern die Videochat-Plattform ZOOM. 

Diese nie dagewesene Situation setzte insbesondere die Lehrenden an der Universität unter einen hohen Druck, denn die Veranstaltungen sollten ohne Unterbruch und so normal wie möglich aufrechterhalten werden. So schien es naheliegend der Empfehlung der Universität zu folgen und ZOOM zu benutzten – auch für viele am Institut für Sozialanthropologie. Für Fragen nach der Sicherheit und dem Datenschutz blieb keine Zeit, zumal die Beschaffung von aussagekräftigen Informationen zu diesen Belangen für IT-Laien nur mit hohem Aufwand zu leisten war. 

Seit dem Ausbruch von Covid-19 hat Zoom einen gigantischen Zuwachs an NutzerInnen zu verzeichnen – einen Anstieg von zehn auf 300 Millionen NutzerInnen pro Tag[2]. Dies ist nicht verwunderlich, denn die Firma wirbt damit, dass sie eines der besten Produkte entwickelt habe, um eine große Anzahl TeilnehmerInnen störungsfrei zusammenzuschalten. Die Kommunikationsplattform läuft stabil, auch bei schlechten Internetverbindungen. Die bis vor kurzem unbekannte und ursprünglich für Firmen konzipierte Software wird seit März 2020 von Universitäten, Schulen und RegierungsvertreterInnen verwendet – und nach Feierabend von Privatpersonen für Cocktail-Parties und Yoga-Stunden. 

Gleichzeitig wird aber auch die Kritik, welche dem Unternehmen von verschiedenen Seiten entgegenweht, immer lauter. ZOOM weist massive Sicherheitslücken auf und einen problematischen Umgang mit Nutzerdaten. Im Folgenden wollen wir zentrale Punkte dieser Kritik erläutern. Dieser Beitrag soll ebenso dazu anregen auch andere E-Konferenzanbieter kritisch zu begutachten, selbst wenn diese weniger Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Ziel ist es, eine generelle Sicherheit dafür zu entwickeln, auf was es zu achten gilt, wenn wir vermehrt online kommunizieren. 

Ende März 2020 berichten NutzerInnen, die sich mit ihrer privaten E-Mail-Adresse in das Videokonferenzprogramm ZOOM eingeloggt hatten, dass ihnen daraufhin Namen, Fotos und E-Mail-Adressen tausender fremder NutzerInnen zugänglich gemacht wurden. Der Fehler – eine «standardmässige» Einstellung von ZOOM: Diese Standardeinstellung sollte Firmen bei Verwendung der Software helfen, Kontaktdaten von MitarbeiterInnen zu gruppieren. Tatsächlich erstellte diese Funktion aber auch Adresslisten für NutzerInnen mit E-Mail-Adressen derselben Domain, wie zum Beispiel quicknet.nl[3]. Das System interpretierte die Domain-Endung somit als Firmenzugehörigkeit. Zur Behebung dieser Sicherheitslücke ordnete ZOOM die Erstellung einer schwarzen Liste für Domains an, die davon betroffen waren und verwies auf einen Abschnitt in der Zoom-Website, in dem User beantragen können, dass bestimmte Domains aus der Funktion Firmenverzeichnis entfernt werden sollen[4]. ZOOM wählt bei dieser Problembehebung den Weg des geringsten Aufwands, indem die NutzerInnen aktiv und individuell die Sicherheitslücke schliessen müssen. 

Weitere gravierende Sicherheitslücken wurden beim ZOOMBOMBING aufgedeckt. Sogenannte Trolle[5] platzten in ZOOM-Meetings, die nicht passwortgeschützt waren, und bombardierten die Konversationsräume mit pornographischen oder rassistischen Inhalten – so geschehen in unzähligen Online-Schulstunden, -Gottesdiensten oder -Vereinssitzungen. Denn ZOOM ermöglicht es allen Videokonferenzteilnehmenden über eine standardmässig eingeschaltete Funktion ihre Bildschirme zu teilen – auch diese Funktion kann bei den Einstellungen ausgeschaltet werden. 
Möglich wurden diese ZOOMBOMBINGS einerseits, weil Konferenzteilnehmende – bewusst oder auch unbewusst – die Links zu ZOOM-Meetings veröffentlichten. Das bekannteste Beispiel dafür ist wohl der Tweet des britischen Premierminister Boris Johnson: In diesem stellte er ein Foto der ersten ZOOM-Kabinettssitzung online. Auf dem Foto ist die Meeting-ID deutlich sichtbar[6]. Andererseits ist es für Hacker ein Leichtes, in fremde Video-Chats einzudringen: Jeder Zoom-Konferenzschaltung wird eine Meeting-ID zugewiesen bestehend aus 9 bis 11 Ziffern, die im Meeting-Link integriert ist. Hacker haben festgestellt, dass die zufälligen IDs innerhalb dieses Ziffernbereichs einfach zu erraten sind. IT-SicherheitsexpertInnen haben dies ihrerseits geprüft und fanden durchschnittlich 100 ZOOM-Meetings pro Stunde, die nicht passwortgeschützt waren und in die sie sich entsprechend einwählen hätten können. Darunter waren auch Videokonferenzen von Grossbanken, internationalen Beratungsfirmen sowie Investment-Rating-Firmen. Das Fazit: Egal, ob man die kostenpflichtige oder die Gratisversion von ZOOM benutzt, Videokonferenzen sollten zwingend mit Passwörtern geschützt werden. Denn obwohl ZOOM als Reaktion auf die Kritik weitere Sicherheitsvorkehrungen getroffen hat, ist das ZOOMBOMBING-Problem noch nicht gelöst[7]

Eine Falschinformation verbreitete das Softwareunternehmen mit seinem irreführenden Marketing hinsichtlich der Verschlüsselung der Audio- und Videokonferenzen: ZOOM behauptete, dass die Meetings «end-to-end» (E2E) verschlüsselt seien und versprach somit die privateste Form der Internetkommunikation, bei der jede Konversation vor externem Zugriff geschützt ist. Tatsächlich betrieb ZOOM die Video- und Audiokonferenzen aber nur mit «Transportverschlüsselung» (TLS)[8]. Dies bedeutet, dass Inhalte, also Daten, nur bei der Übermittlung verschlüsselt sind. Will heissen, die Inhalte sind zwar vor Dritten geschützt, ZOOM selbst hat aber Zugang. 

ZOOM versprach also etwas, was es nicht gewährleistete, sparte somit Entwicklungskosten und sicherte sich zugleich Marktanteile durch eine hohe Performanz, welche wiederum durch die reduzierten Sicherheitsstandards erst möglich wurde. Hiermit liegt ein kalkulierter Missbrauch durch ZOOM gegenüber dem Vertrauen der KundInnen vor. Diese Falschinformation führte auch dazu, dass transparentere Unternehmen, die mehr in die Sicherheit der Privatsphäre ihrer NutzerInnen investieren, einen Wettbewerbsnachteil durch schlechtere Performanz hatten. Da ZOOM scheinbar die gleichen Sicherheitsstandards anbot wie die Konkurrenz, nur mit einer reibungsloseren Funktionalität. Werden Daten lediglich transportverschlüsselt, kann eine Videokonferenz-Software auch bei geringer Datenübertragung die Person, die gerade spricht, identifizieren, somit von ihr einen hochaufgelösten Stream und nicht hochaufgelöste Streams von den Zuhörenden senden. Ein solches Finetuning ist also einfacher als eines mit E2E-Verschlüsselung und trägt so zum zuverlässigen Funktionieren der Dienstleistung auch unter schlechtem Datendurchsatz, und somit dem Wettbewerbsvorteil von ZOOM bei.[9] Auch hier unterscheidet sich die kostenpflichtige Version nicht von der Gratisvariante. Insofern stellt sich die Frage nach dem Mehrwert des bezahlten Dienstes. Kürzlich hat ZOOM angekündigt, doch noch auf E2E-Verschlüsselung umzusteigen, aber nur bei der Bezahlversion. Bei der Gratisversion argumentieren sie mit der Möglichkeit, mit den lokalen und nationalen Strafverfolgungs- und Ermittlungsbehörden zusammenzuarbeiten; «[…] in case some people use Zoom for a bad purpose», so der Firmenchef Eric Yuan in einem Interview mit Bloomberg.[10]

Wie ZOOM mit den Anfragen Dritter umgeht, welche die Herausgabe bestimmter Daten, Aufzeichnungen oder Inhalten abfragen, war Inhalt eines offenen Brief von Access Now am 19. März 2020 an das Unternehmen.[11]  Auf Grund der rapiden Zunahme von ZOOM-NutzerInnen weltweit ist anzunehmen, dass ZOOM solche Anfragen nun vermehrt erhält. Zoom wurde deshalb von AccessNow aufgefordert über folgende Punkte regelmässig einen Transparenzbericht zu erstellen: Was für Benutzerdatenanfragen erhält das Unternehmen und von wem? Wie bearbeitet und prozessiert das Unternehmen derartige Anfragen? Werden NutzerInnen über die Weitergabe von Daten informiert? Zoom hatte diese Angaben, wie es bei grossen Technologiefirmen in den letzten Jahren üblich geworden ist, bislang nicht publiziert. Eric Yuan kündigte aber am 1. April 2020 an, dass ZOOM in Zukunft detaillierte Informationen bezüglich dem Abfragen von Nutzerdaten und Inhalten liefern werde.[12] Access Now ist eine globale zivilgesellschaftliche Organisation, die sich für die Rechte von digitalen BenutzerInnen «at risk» weltweit einsetzt. Die Organisation wurde 2009 als Notfallteam gegründet als Millionen von IranerInnen gegen Wahlbetrug und Menschenrechtsverletzungen demonstrierten. Access Now unterstützte die Protestierenden durch Bereit- oder Wiederherstellung von Internetzugang und durch sichere Online-Kommunikation. 

Die Rechtstaatlichkeit von Online-Überwachung zu überprüfen, sowie die Bedrohung der Privatsphäre von NutzerInnen durch autoritäre Regimes, aber auch durch Privatfirmen einzudämmen bzw. vermehrt öffentlich zu machen, ist in Zeiten von COVID-19 enorm wichtig. Das Ausmass und die Reichweite der Problematik kann nur so realisiert werden. Insbesondere da nun Video-Apps und andere digitale Plattformen auch für Protestaktivitäten oder private sensible Themen wie Arztbesuche oder Rechtsberatung benutzt werden. Ob Verschlüsselungen die digitale Kommunikation so sichern, dass sie nur von den beteiligten BenutzerInnen gelesen werden kann, ist daher nicht nur ein interessantes technisches Detail. 

ZOOM teilte bis vor kurzem zum Beispiel Benutzerdaten von Kunden, welche die iOS Version der ZOOM App verwendeten, mit Facebook, und zwar unabhängig davon, ob die Meeting-TeilnehmerInnen einen Facebook-Account haben oder nicht. Viele Apps bieten ihren KundInnen an, sich über ihr Facebook-Konto in die jeweilige Plattform einzuloggen und verwenden dafür ein von Facebook bereitgestelltes software development kit («SDK»). Der Effekt dieser bequemen Log-In Möglichkeit ist aber, dass die ZOOM-App beim Herunterladen oder beim Öffnen der App Facebook folgende Informationen weiterleitet: verwendete App, Öffnungszeitpunkt, Gerätetyp, Bildschirmgrösse, Prozessor, Speicherplatz, Netzanbieter, gerätinterne Werbe-ID und über die Zeitzone und den Standort des App-Users.  ZOOM versäumte es, diese Datenweitergabe in seinen Angaben zu Privatsphäre- und Datenschutz zu erwähnen. Motherboard (Vice 26.03.20) machte auf diese Schwachstelle aufmerksam und ZOOM kündigte darauf an, diese unnötige Datenweitergabe durch eine Rekonfiguration der App zu stoppen.[13] Die Informationen, die durch Facebooks SDK gesammelt wurden, enthielten aber keine Informationen aus ZOOM-Sitzungen wie Namen der NutzerInnnen und Notizen. 

Wie soll man als Laie ZOOMs Sicherheitslücken, seinen Umgang mit Nutzerdaten und sein Geschäftsmodell einschätzen? Die oben genannten Probleme mögen ein kleiner Preis sein, wenn man im Gegenzug einen problemlos funktionierenden Service erhält, der einem in Zeiten von COVID-19 die Arbeit ermöglicht bzw. erleichtert. Dieses reibungslose und bequeme Funktionieren der Plattform verführt aber dazu, auszublenden, dass es auch einen anderen Weg gibt, online und wenn nötig per Video im Kontakt zu bleiben. Und zwar einen der sowohl ohne die potenziell mögliche oder tatsächliche Invasion von Privatsphäre auskommt. Mit einer Open Source-Videokonferenzplattform, die auf einem eigenen Server oder auf einem offenen Server, der sich für Datenschutz und digitale Selbstbestimmung einsetzt, betrieben wird verringert man zum Beispiel das Risiko, dass Videokonferenzen abgehört, aufgezeichnet und verbreitet werden bzw. kann man hier davon ausgehen, dass die Betreiber kein Interesse an den Daten der NutzerInnen haben. Eine allumfassende Sicherheit gibt es aber auch hier nicht.[14]

Shoshana Zuboff, emerierte Professorin für Business Administration der Harvard University weist in ihrem Buch «The Age of Surveillance Capitalism» (2019) daraufhin, dass wir einem Irrtum erliegen, wenn wir meinen, der Umgang mit Daten und ihrem Schutz sei ein individuelles Anliegen oder etwas, worüber wir tatsächlich selbst entscheiden könnten. Sie zeigt auf, dass die Geschäftsmodelle von Überwachungskapitalisten wie Google oder Facebook darauf aufbauen, dass wir achtlos private Daten zur Verfügung stellen, aber auch, dass Daten von uns ohne unser Wissen gestohlen werden – «they take without asking». Viele Onlinedienste sind nicht gratis, sondern wir bezahlen diese mit unseren intimsten und persönlichsten Daten. Ein persönlicher Schnappschuss auf Facebook oder ein Like, eine Telefonnummer oder Emailadresse, der Standort und das Log-In Datum eines Nutzers etc. mögen vielleicht wertlos sein, aber die Aggregation von Billiarden von Daten in der Hand von wenigen Firmen—allen voran Google, Facebook, Amazon und Microsoft—ist es nicht. Die Masse an Daten erlaubt es diesen Firmen mit der Hilfe von fortgeschrittenen Rechen- und Datenverarbeitungskapazitäten Milliarden von Menschen zu analysieren. Zum Beispiel in Bezug auf ihre sexuelle Orientierung, politische Meinung, Ethnizität, Alter oder Geschlecht und dadurch Gruppenzuordnungen vorzunehmen, sowie Voraussagen über ihre Interessen, Besonderheiten und vor allem über ihr zukünftiges Verhalten zu machen. Die Algorithmen, die solche wertvollen Voraussagen überhaupt erst ermöglichen sind auch nicht einfach von smarten ComputerspezialistInnen entwickelt worden, sondern mussten mit Daten manuell gefüttert werden, um solche Mikroanalysen zielsicher durchführen zu können. Facebook und Google verkaufen diese Information über unser zukünftiges Verhalten vor allem an Werbekunden. 

Seit dem Cambridge Analytica-Skandal  (Guardian 31.03.2018)[15] ist aber auch bekannt geworden, dass zielgerichtete Werbung nicht nur das Interesse von Geschäftskunden erweckt, sondern auch das von politischen Akteuren und damit unser politisches Zusammenleben prägt bzw. gefährdet (Albright 2016).[16] Die britische Datenanalysefirma Cambridge Analytica, sie gehörte zum Zeitpunkt des Skandals dem Milliardär Robert Mercer und wurde vom Rechtspopulisten Steve Bannon geleitet, arbeitete sowohl mit Donald Trumps Wahlkampfteam als auch mit den OrganisatorInnen der Brexitkampagne zusammen (Guardian 26.02.2017)[17]. «Micro-targeting» von WählerInnen war die Expertise dieser mittlerweile nicht mehr existierenden Firma. Wie jede politische Beratungsfirma benötigte Cambridge Analytica dafür möglichst viele und genaue Informationen über WählerInnen. Ihre Dienstleistung bestand darin, Informationen über die Persönlichkeitsstruktur von FacebookbenutzerInnen abzuleiten und diese mit Wahlregistern zu verknüpfen. Um so einen Algorithmus zu entwickeln, der helfen kann das Wahlverhalten von FacebooknutzerInnen voraussagen zu können bzw. dieses zu beeinflussen, entwendete die Firma 2014 ohne Autorisierung 87 Millionen Facebookprofile; neben dem legalen Kauf von zahlreichen Verbraucherdatensets (z. B von Fluggesellschaften oder Zeitungs- und MagazinabonementInnnen). Für gut eine Millionen Dollar kaufte die Firma Datensätze auf (Guardian 18. 03.18).

Mit dieser entwickelten Datenbank und dem Algorithmus wurden unentschiedene WählerInnen zum einen durch personalisierte Wahlwerbung angeregt, am Wahl- bzw. Abstimmungstag daheim zu bleiben, aber auch WählerInnen mit einem neurotischen Persönlichkeitsprofil explizit durch angstmachende Bilder (z. B von Migrantenströmen) angeregt für Trump bzw. die Brexitkampagne zu stimmen.[18] Das Ausmass und die Reichweite von Facebook auf Menschen Einfluss zu nehmen wurden dadurch sichtbar und ebenso das Risiko, wie diese Macht von anderen Akteuren missbraucht werden kann. Facebook wusste bereits 2015 von dem Datenmissbrauch wartete aber noch fast zwei Jahre, bis sie ihre PlattformnutzerInnen darüber informierte. Zuboff spricht daher auch von einer zunehmenden «epistemischen Ungleichheit» (2020).[19] Die Schere was wir selbst wissen, zu welchen Informationen wir Zugang haben, und was von Überwachungskapitalisten über uns gewusst wird, zu welchen Daten sie Zugang haben oder sich eigenmächtig verschaffen, geht immer weiter auseinander.

Verbraucherschutzorganisationen warnen, dass wir derzeit einfach oft nicht genau wissen, was Technologiefirmen mit unseren Daten machen. Der Druck und die negative Berichterstattung haben zwar bei ZOOM dazu geführt, dass die Firma expliziter wurde in ihren Datenschutzbestimmungen und sicherheitstechnisch nachbesserte. In Bezug auf ZOOM empfiehlt aber zum Beispiel die Verbraucherschutzorganisation Consumer Report, als Vorsichtsmassnahme Kamera und Mikrophon ausgeschaltet zu lassen, wenn wir selbst nicht sprechen.[20] Wenn der Kameraeinsatz von Nöten ist, dann sollte man den Hintergrund ferner anonymisieren bzw. ausblocken. ZOOM hatte bis vor kurzem Zugang zum Videomaterial seiner BenutzerInnen und hat dies in der Gratisversion auch immer noch. Auch wenn das Unternehmen derzeit diese Daten nicht weitergibt ist es wichtig zu wissen, dass es dies könnte. Der Bedarf an lebensnahen Bildern und Videos für die Entwicklung von Gesichtserkennungssoftware ist gross. Um einer Maschine beizubringen, ein menschliches Gesicht zu erkennen muss es mit Hundertausenden Bildern trainiert werden. Je diverser und natürlicher und lebensnaher solche Bilder sind, umso besser kann die Software in der Realität, wo sie Gesichter erkennen soll, funktionieren. 

Auch wenn die Anwendung von Gesichtserkennungssoftware für diverse staatliche und private Sicherheits- und Überwachungszwecke bereits Realität ist und kontrovers diskutiert wird, ist es wichtig zu bedenken, wie diese neuen Werkzeuge unter anderem entstanden sind. Der Datenschutz-Aktivist Adam Harvey verfolgt seit zehn Jahren in seiner Arbeit das «Leben» von biometrischen Datenströmen anhand von dreihundert Datensets.[21] Dadurch zeigt er auf, wie Datentrainingssets für Gesichtserkennungsalgoritmen zunehmend auf Bildern aufbauen, die von Privatpersonen ins Internet hochgeladen wurden (z.B auf Google, You-Tube, Instagram, Flickr). Diese Personen wurden nie darüber benachrichtigt, dass ihr privates Bildmaterial, bzw. die darauf befindlichen Gesichter bei der Entwicklung von Gesichtserkennungssoftware verwendet wurden. Solche Datensets werden von Privatfirmen aber auch staatlichen Behörden zusammengestellt und für ganz unterschiedliche Zwecke weltweit verwendet. Identische Datensets, wie z.B Iarpa Janus Benchmark-C (IJB-C) wurden damit sowohl zur Analyse der Emotionen von Gesichtsausdrücken für Werbezwecke genutzt, wie auch bei der Entwicklung von Gesichtserkennnungsprodukten, die unter anderem  von der chinesischen Polizei verwendet werden, um Millionen von MuslimInnen in Xinjiang zu tracken. 

Auch die amerikanische Polizei, deren Modus Operandi derzeit Massenproteste auslöst, verwendet identische Produkte. Dass die Menschen, welche derzeit weltweit an «I can’t breathe»-Protesten teilnehmen, auf Grund von Covid-19 Masken tragen, kommt ihnen in dieser politisch angespannten Lage allerdings zugute: Die überwachungstechnologisch gestützte «crowd surveillance» der Polizei wird dadurch erschwert. Das mag absurd erscheinen, sollte aber keinesfalls darüber hinwegtäuschen, dass wir auch derzeit generell keine Kontrolle über unsere Daten haben. Die meisten davon sind frei zugänglich im Internet zu finden. Dies müsste nicht so sein und sollte dringend geändert werden. Dieser Prozess benötigt Zeit, weshalb es notwendig ist, sofort damit zu beginnen. Am Anfang dieses Prozesses steht eine Bewusstseinsveränderung jeder und jedes Einzelnen. Wir müssen entscheiden, ob wir es DatensammlerInnen weiterhin so leicht machen wollen, wie bisher, uneingeschränkt über unser Privateigentum zu verfügen, oder ob wir heute wieder damit beginnen, nicht alles über uns preiszugeben. Daher: Online-Kommunikation muss nicht Zoomen heissen. 

 

 

[1] ZOOM bessert durch harsche öffentliche Kritik ständig nach, daher ändern sich Funktionen und Bedingungen laufend; wir erheben keinen Anspruch auf absolute Aktualität (15.06.2020).

[2] https://www.bloomberg.com/news/articles/2020-06-02/zoom-transforms-hype-into-huge-jump-in-sales-customers

[3] Die Domainnamen von bekannten E-Mail-Service-Anbietern wie Gmail, Hotmail und Yahoo waren davon nicht betroffen.

[4] https://www.vice.com/en_us/article/k7e95m/zoom-leaking-email-addresses-photos

[5] Im Netzjargon werden Personen als Trolle bezeichnet, die durch ihre digitale Kommunikation emotionale Provokation bei «Kommunikationsteilnehmenden» erreichen wollen. 

[6] https://www.thejournal.ie/boris-johnson-tweet-of-virtual-cabinet-raises-cybersecurity-concerns-5063195-Mar2020/

[7] https://krebsonsecurity.com/2020/04/war-dialing-tool-exposes-zooms-password-problems/

[8] E-Mails beispielsweise sind nicht einmal transportverschlüsselt, sondern ohne besondere Massnahmen werden E-Mails generell unverschlüsselt also als Klartext verschickt.

[9] https://theintercept.com/2020/03/31/zoom-meeting-encryption/

[10] https://www.bloomberg.com/news/articles/2020-06-02/zoom-transforms-hype-into-huge-jump-in-sales-customers

[11] https://www.accessnow.org/access-now-urges-transparency-from-zoom-on-privacy-and-security/

[12] https://blog.zoom.us/wordpress/de/2020/04/01/eine-nachricht-an-unsere-benutzer/

 

 

[13] https://blog.zoom.us/wordpress/2020/03/27/zoom-use-of-facebook-sdk-in-ios-client/

https://www.vice.com/en_us/article/k7e599/zoom-ios-app-sends-data-to-facebook-even-if-you-dont-have-a-facebook-account)

https://www.vice.com/en_us/article/z3b745/zoom-removes-code-that-sends-data-to-facebook

[14] Die Sicherheit hängt auch von der Konfiguration des Servers und dem Serverstandort ab und den genutzten Diensten Dritter. Für hilfreiche technische Erläuterungen der Vorteile von Open Source Plattformen siehe hier: 

https://jotbe.io/blog/2020/04/jitsi-meet-questions-and-answers/index.de.html

https://www.kuketz-blog.de/zoom-uebermittelt-personenbezogene-daten-an-drittanbieter/

Hier ist eine sehr detaillierte Auflistung von alternativen Möglichkeiten, welche wir als hilfreich beschrieben erachten und generell über «digitale Nachhaltigkeit»: 
https://www.projekte.hu-berlin.de/de/gnuHU/anleitungen/digitale-konferenzen/

 

 

[15] https://www.theguardian.com/news/series/cambridge-analytica-fileshttps://www.theguardian.com/uk-news/2018/mar/31/aggregateiq-canadian-tech-brexit-data-riddle-cambridge-analytica;

[16] https://medium.com/@d1gi/left-right-the-combined-post-election2016-news-ecosystem-42fc358fbc96#.q1t8qjuet

[17] https://www.theguardian.com/politics/2017/feb/26/robert-mercer-breitbart-war-on-media-steve-bannon-donald-trump-nigel-farage

[18] https://www.theguardian.com/news/2018/mar/17/data-war-whistleblower-christopher-wylie-faceook-nix-bannon-trump

[19] https://www.nytimes.com/2020/01/24/opinion/sunday/surveillance-capitalism.html

[20] https://www.consumerreports.org/privacy/zoom-tightens-privacy-policy-says-no-user-videos-analyzed-for-ads/

[21] https://ahprojects.com/ ; https://megapixels.cc/datasets/

 

«Studieren Sie zu Hause»

Von Aliina Walther

Aliina Walther studiert  BA Major Sozialanthropologie / BA Minor Sozialwissenschaften und Religionswissenschaft. Text verfasst im Rahmen der ethnographischen Schreibwerkstatt FS 2020, Institut für Sozialanthropologie, Universität Bern

Das Frühlingssemester 2020 startete Mitte Februar. Zu Beginn war für die Student*innen der Universität Bern alles noch wie gewohnt. In den Medien war schon kurz vor Beginn des neuen Jahres vom neuartigen Coronavirus die Rede, doch fühlte sich die Bedrohung für viele weit weg an. Ende Februar erreichte der erste bestätigte Fall einer COVID-19 Erkrankung die Schweiz.

Nur einen Monat nach Beginn des Frühlingssemesters beschloss der Bundesrat einen landesweiten «Lockdown» aufgrund der ständig steigenden Fallzahlen von an COVID-19 erkrankten Bürger*innen der Schweiz. Universitäten wurden im ganzen Land von einem auf den nächsten Tag geschlossen. Auch die Universität Bern war nun gezwungen auf Online-Alternativen umzusteigen damit alle Student*innen von nun an von zu Hause aus trotzdem weiterstudieren konnten. 

Viele Vorlesungen wurden seit einigen Jahren als Podcast-Variante angeboten, um dem Problem der Kursüberschneidungen entgegenzuwirken. Diese Methode wurde auch schon zuvor von vielen Studierenden genutzt und war deshalb nicht für alle eine grosse Veränderung. Nur die Art der Podcasts änderte sich. Normalerweise wurde der Podcast in der Vorlesung aufgenommen. So war es möglich, alle Fragen der Zuhörer*innen und die gegebenen Antworten mitzuhören. Dies gab einem bei schwierigeren Themen eine gute Ergänzung. 

Die Übungen und Seminare wurden neu via Videokonferenz-Software angeboten. Der Online-Unterricht ist eigentlich eine Videokonferenz mit vielen Teilnehmer*innen. Zuvor wurden in den Übungen und Seminaren die Themen gemeinsam erarbeitet. Durch die Distanz wurde der Fokus vermehrt auf die dozierende Person gelenkt. Die Art und Weise des Vermittelns von Wissen näherte sich den Vorlesungen an. Die Teilnahme begrenzte sich für viele auf das Zuhören. Ohne die Mitarbeit der Studierenden und durch die Distanz wurden auch die Konzentration und die Merkfähigkeit verschlechtert. Nach einer gewissen Zeit wurden zwar Techniken herausgearbeitet wie zum Beispiel die «Break-out-Rooms», welche die Interaktionen und das Zusammenarbeiten etwas förderten. Trotzdem ist und bleibt das virtuelle Studieren mit einem erheblichen Distanzgefühl verbunden. 

Gruppenarbeiten für eine Veranstaltung, oder auch als Leistungsnachweise wurden zu einer Herausforderung. Sich virtuell in einer Gruppe zu treffen war sehr ungewohnt. Virtuell eine Aufgabe zu bewältigen war für viele Studierende schwierig. Durch das Fehlen der sozialen Kontakte wurden die Treffen in der Gruppe vermehrt zu «Gesprächstreffen». Das Arbeiten fiel einem schwerer als sonst. Es war eine der wenigen Möglichkeiten, sich über den neuen «Unialltag» auszutauschen. Wenn man Glück hatte, war man mit Personen in einer Gruppe, die auch sonst teilweise gleiche Kurse  belegt haben. So konnte der Austausch über den Lehrstoff oder sonstige Themen, die die Veranstaltung betreffen, in kleinem Rahmen wiederhergestellt werden. 

Kurz vor Ende des Semesters wurde bekannt, dass alle Prüfungen auch virtuell durchgeführt werden. Die Vorbereitungen für die Prüfungen waren erschwert. Es fand kein Lernen in Gruppen statt. Auch der Austausch über den Lernstoff war eingeschränkt. Dieser Austausch hilft, das eigene Wissen besser zu verinnerlichen und Wissenslücken aufzudecken. Kurz vor der Prüfung stieg die Nervosität bei vielen. Es war ungewohnt die Nervosität nicht mit anderen Mitstudierenden vor dem Prüfungssaal zu teilen, wie sonst immer. Man war fast komplett auf sich alleine gestellt. Teilweise fand vor der Prüfung ein schriftlicher Austausch statt, da man den sozialen Kontakt vermisste. Das Kollektivgefühl gab einem vor der Prüfung halt und es lenkte von der eigenen Nervosität ab.

Diese besagte aussergewöhnliche Situation mit der Schliessung der Universität kann eine erhebliche beeinträchtigende Auswirkung auf die Student*innen haben. Die daraus resultierenden Einschränkungen der Kontaktmöglichkeiten wirken auf den ersten Blick nicht sehr bedeutend. Wird hingegen diese Situation anhand der Theorie des Sozialkapitals von Bourdieu betrachtet, werden die Folgen deutlich. Der Wegfall des universitären Netzwerks und die daraus hervorgehende Beschränkung der Kontaktmöglichkeiten, wirken sich direkt auf das soziale Kapital der Student*innen aus. 

Pierre Bourdieu beschreibt in seiner «Ökonomie der Praxis» das Konzept des sozialen Kapitals. Alle sozialen Handlungen sind letztlich auf Profit ausgerichtete Tauschhandlungen. Er definiert das soziale Kapital eines Menschen als die Summe der sozialen Beziehungen und der Ressourcen (ökonomisches und kulturelles Kapital) des Beziehungspartners.

Nach Bourdieu ist man für den Erwerb des Sozialkapitals immer auf den Austausch mit andern und auf ihre Anerkennung angewiesen. Das soziale Kapital muss ständig durch mehr oder weniger intensiven Austausch aufrechterhalten werden. Durch «Beziehungsarbeit» hat jede*r die Möglichkeit, sein Sozialkapital zu vergrössern. Da nahezu jede*r Teil eines sozialen Beziehungssystems ist, entsteht Sozialkapital häufig als Nebenprodukt von alltäglichen Beziehungen. Diese «Beziehungsarbeit» wurde durch den «Lockdown» und den Verzicht auf physischen Kontakt erschwert, wenn nicht sogar für eine gewisse Zeit verunmöglicht (Bourdieu 2012: 238). Die Reduzierung des eigenen Sozialkapitals beginnt schon bei den Podcasts. Durch das Wegfallen der Möglichkeit, während der Vorlesung untereinander Fragen zu stellen, zu diskutieren, oder den Dozierenden Fragen zu stellen fehlen diese Ergänzungen in den Podcasts. 

Die Interaktionen während oder nach den Vorlesungen, Übungen und der Seminare fallen weg und verunmöglichen den Student*innen ihr neues Wissen besser zu verinnerlichen. 

Dieses Netzwerk unter den Studierenden, welches durch die Teilnahme an universitären Veranstaltungen entstanden ist, kann durch Online-Lösungen unmöglich gleichwertig ersetzt werden. Der Austausch während einer Veranstaltung sowie zwischen den Veranstaltungen fehlt. Keine gemeinsamen Gespräche mehr über den Lernstoff, die einem helfen, ihn besser zu verstehen oder einem selbst seine eigenen Wissenslücken offenbaren. Kein gemeinsames «Brainstormen» mehr über mögliche Ideen für kommende Aufgaben oder Essays, sowie keine Anerkennung oder Bestätigung eigener Gedanken oder Ideen. Auch die «kleineren» Inputs der Dozierenden während zum Beispiel einer Übung fallen nun weg. Diese kleinen zuvor unscheinbaren Kontakte untereinander gewinnen nun an Wichtigkeit. Natürlich ist es möglich, von zu Hause aus auch miteinander zu kommunizieren, jedoch wird nicht wegen jedem kleinen, scheinbar noch so unwichtigem Gedanken oder einer Fragen jemandem geschrieben. Zudem ist nicht jede*r mögliche Gesprächspartner*in auch eine Person, die man gut kennt bzw. eine Person, mit der man auch privat Kontakt hat. Durch die Schliessung der Universität wurde der Kontakt nur noch auf Mitstudierende, mit denen man auch sonst in Kontakt steht, oder Gruppenmitglieder beschränkt.

Diese Einschränkungen der möglichen Kontakte wirkt auf den ersten Blick nicht sehr bedeutend. Doch folgt man der Argumentation von Ronald S. Burt wird einem die Wichtigkeit sowie das Ausmass deutlich bewusst.

Ronald S. Burt erweitert die Theorie über das soziale Kapital durch eine netzwerkanalytische Perspektive. Im Gegensatz zu Bourdieu differenziert er die soziale Vernetzung der Akteure genauer. Es werden zwei Arten von Kontakten unterschieden. Als redundante bezeichnet Burt Kontakte, deren Netzwerke sich überlappen und dadurch über Zugang zu ähnlichen Ressourcen verfügen. Kontakte, deren Netzwerke getrennt sind, ermöglichen den Zugang zu neuen Ressourcen und werden als nicht redundant bezeichnet. Nach seiner Theorie der strukturellen Löcher bemisst sich das soziale Kapital eine*r Akteur*in nicht einfach aus der einfachen Summe der engen bzw. redundanten Kontakte, sondern vor allem aus dem Resultat der schwachen bzw. nicht redundanten Kontakte. Akteur*innen erhalten die wertvollsten Informationen von Kontakten, zu denen eine schwache Beziehung besteht. Die Nützlichkeit dieser nicht redundanten Kontakte resultiert aus der Tatsache, dass strukturelle Löcher überbrückt werden, was eine Bereicherung an Ressourcen zur Folge haben kann (Hoenig 2019: 19ff).

Gerade diese unscheinbar wirkenden «schwachen» Interaktionen, welche durch die physische Präsenz an der Universität normalerweise täglich stattfinden, erweisen sich für das Sozialkapital der Studierenden als besonders förderlich. Virtuelles Studieren verunmöglicht nahezu jegliche Art dieser redundanten Kontakte. Durch die Techniken der «Break-out-Rooms» und der Auftragsform der Gruppenarbeit konnten wenige nicht redundante Kontakte virtuell wiederhergestellt werden. 

Das Bereitstellen solcher Techniken, welche die nicht redundanten Kontakte fördern, fällt nach der Theorie von James Coleman in den Aufgabenbereich der Universität. Nach Coleman handelt es sich bei den nicht redundanten Kontakten um komplexe Beziehungen. Diese zeichnen sich dadurch aus, dass zwei Personen und ihre Bedürfnisse allein nicht ausreichen, um die Beziehung aufrecht zu erhalten, sondern sie benötigen eine «dritte Partei», durch die Anreize von aussen angeboten werden (Nicht 2013: 83). Soziale Beziehungen innerhalb der Universität stellen oft komplexe Beziehungen dar. Sie existieren nicht aus sich selbst heraus, sondern vor allem deshalb, weil die Universität als «dritte Partei» vorhanden ist.

Durch Coleman wird einem die Wichtigkeit der Universität bewusst. Durch das Wegfallen der Möglichkeit der physischen Präsenz am Standort «Universität» wurde den Student*innen viel genommen. Viele Kontakte wurden dadurch verunmöglicht. Um das soziale Kapital zu erhöhen, ist es unabdingbar, dass die Universität auch virtuell Anreize für komplexe Beziehungen unter den Studierenden schafft. Die Technik des «Break-out-Room» ist ein guter Anfang und sollte deshalb vermehrt genutzt werden. Falls die Situation mit COVID-19 noch länger anhält, wäre es wünschenswert, dass die Universität ihren Fokus auch auf die Verbesserung der Anreize für komplexe Beziehungen setzt. 

Quellen

Deindl, Christian 2005. Soziale Netzwerke Und Soziales Kapital. P.AGES 5 – Diskussions-Papier der Forschungsgruppe Arbeit, Generation, Sozialstruktur (AGES) der Universität Zürich. 

Hoenig, Kerstin 2019. Soziales Kapital Und Bildungserfolg. Wiesbaden: Springer Fachmedien.

Nicht, Jörg 2013. Schulklassen Als Soziale Netzwerke. Wiesbaden: Springer Fachmedien.

Znoj, Heinzpeter 2019: Geschichte der Sozial- und Kulturanthropologie II. 7.Vorlesung: Pierre Bourdieus Praxistheorie. (Unveröffentlichtes Handout). Institut für Sozialanthropologie der Universität Bern.