Institut für Sozialanthropologie

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Anthroblog

Drei junge Frauen in Sungai Tenang. Ein Bild und seine Geschichte

Heinzpeter Znoj

Das Bild, über das ich hier schreibe, hat für mich im Lauf der Zeit immer mehr Bedeutung angenommen, weil ich das, was darin sichtbar ist, erst nachträglich verstand, und weil ich mich so lange darüber getäuscht hatte. Es ist, wenn man so will, ein Beleg dafür, dass eine Ethnographie nie aufhört...

Als ich dieses Bild 1996, nach dem Ende des Ramadan, wenn alle grossen Feste des Jahres stattfinden, in einem Dorf in Sungai Tenang in den Bergen Zentralsumatras aufnahm, hatte mich die eigenwillige Kombination von Kleidungsstücken fasziniert, in der die drei jungen Frauen ihren religiösen Schulabschluss feierten. Sie trugen alle den weissen Gebetsschleier, wie er für indonesische Musliminnen üblich ist. Dazu trugen sie den arabischen Kopfring (Agal), der in seinem Ursprungsgebiet Männern mit hohem Status vorbehalten ist. Zusammen mit den Sonnenbrillen und den geschminkten Lippen hatten die Mädchen so in meinen Augen etwas Kokettes, das der Gelegenheit nicht ganz angemessen schien. Nahmen sie den Abschluss ihrer Madrasah-Ausbildung etwa weniger ernst als ihre Kolleginnen und Kollegen im Hintergrund? Oder brachten sie das Gender-Bending, das ihrer matrilinearen muslimischen Gesellschaft ohnehin strukturell eingeschrieben ist, auf kongeniale Weise zum Ausdruck?

Ein Teil des rätselhaften vestiären Synkretismus klärte sich bald auf. Ein alter Mann, der noch in der niederländisch-indischen Kolonialregierung als Sekretär gedient hatte, erzählte mir über die zahlreichen jungen Männer, die in den 1920er und 1930er Jahren die Pilgerfahrt nach Mekka gemacht und arabische Trachten zurückgebracht hatten. Ausser als Hochzeitstracht hatten die Männer keine Verwendung für sie, denn ihre Kopfbedeckung an religiösen Feiertagen ist der Fez. In den arabischen Ländern dient der Kopfring der Fixierung der Kufiya, des karierten Kopftuchs der Alltagstracht der Männer. Irgendwann mussten die Frauen in Sungai Tenang diesen zugleich praktischen und ornamentalen Nutzen des Kopfrings für sich entdeckt haben. An den hohen Festtagen trugen jedenfalls auch viele alte Frauen solche Kopfringe über ihren Schleiern. Diese eigenwillige Aneignung eines arabischen Kleidungsstücks durch das „falsche“ Geschlecht ist ein Beispiel für die kreative und selbstbewusste Art und Weise, wie die Gesellschaft von Sungai Tenang lange Zeit mit dem Islam und islamisch konnotierten kulturellen Importen umgegangen ist. Heute, nur gut 20 Jahre später, sieht man in Sungai Tenang keine Frauen mehr, die sich mit dem Agal schmücken.

Aber es gibt immer noch Gelegenheiten, an denen junge Frauen Sonnenbrillen tragen. Vor zwei Jahren, als ich mit einigen Studierenden der Indonesien-Exkursion nach Sungai Tenang reiste, löste sich endlich auch dieses Rätsel für mich. Im Alltag tragen weder Männer noch Frauen Sonnenbrillen. Wer sich derart dem Augenkontakt mit anderen entziehen würde, würde als hochmütig angesehen werden. Die einzigen Gelegenheiten, an denen junge Frauen, selten auch junge Männer, Sonnenbrillen tragen, sind Feste, an denen sie dem ganzen Dorf präsentiert werden, also Schulabschlussfeste und Hochzeiten, an denen oft mehrere Paare auf einmal heiraten. An jeder Hochzeit erklärt zu Beginn ein Zeremonienmeister den Ablauf und die Verhaltensregeln. Die jungen Leute werden ermahnt, sich anständig zu verhalten. Und es wird darum gebeten, dass jene, welche vielleicht über das Resultat der Heiratsverhandlungen unglücklich sind, auf Hexerei verzichten.

Tatsächlich kommt es nach Angaben der Einheimischen immer wieder vor, dass an Hochzeiten die Bräute von Geistern besessen werden, die ein missgünstiger Schamane herbeigerufen hat. Zu ihrem Schutz setzt man ihnen Sonnenbrillen auf. Es besteht der Glaube, dass die Geister die Schwäche ihrer Opfer am ängstlichen Blick erkennen. Mit der Sonnenbrille soll der Geist getäuscht werden. Ich selbst wurde vor zwei Jahren Zeuge davon, wie ein Brautpaar, dem man kurz zuvor noch rasch Sonnenbrillen aufgesetzt hatte, in Ohnmacht fiel und aus dem Festsaal getragen wurde. Ein Schamane trieb danach den Geist, der sie besessen hatte, wieder aus.

So löst sich nachträglich auch das Rätsel des Bildes, das ich an jenem Madrasah-Fest aufgenommen hatte. Das Fest fand wenige Wochen vor der jährlichen Gruppenhochzeit statt, und die drei jungen Frauen waren offenbar Bräute, über deren Heiratspartner sich die Mütter bereits geeinigt hatten. Auf ihren Status weist auch der Lippenstift hin: Lippenstift wird in der Öffentlichkeit nur von unverheirateten aber heiratsfähigen Frauen getragen. Das Madrasah-Fest war eine erste Gelegenheit, an der ein Hexer oder eine Hexerin einen Geist herbeirufen könnte, um dagegen zu protestieren, dass sein Neffe oder seine Nichte bzw. ihr Sohn oder ihre Tochter leer ausgegangen ist. Die jungen Frauen im Hintergrund waren keine Bräute, und die gleichaltrigen jungen Männer waren noch nicht im heiratsfähigen Alter. Junge Frauen, die nicht weiter in die Schule gingen, heirateten damals mit 14 Jahren, junge Männer mit etwa 20.

Sind die drei jungen Frauen auf dem Bild kokett? Vielleicht bei anderen Gelegenheiten – aber auf dem Bild sehen sie angespannt den übernatürlichen Herausforderungen der bevorstehenden Hochzeit und den ihnen unbekannten und deshalb angsteinflössenden Ereignissen ihrer Ehen entgegen.

Wer mehr über das Heiraten in Sungai Tenang erfahren möchte, dem sei Kathrin Oesters Buch „Ramadan im Regenwald“ und ihr Film „I Love You – Hope for the Year 2000“ empfohlen.